Vorschau Herbst 2017:

Ausstellung im Rahmen der NÖ Tage der Offenen Ateliers

am 15. Oktober (10h bis 18h)

im GH Kremslehner, Stephanshart

Ausstellung                  "Früher und Jetzt"

Galerie ALPHA, 1010 Wien

Eröffnung am 7.11. 2017, 19h

Zitate aus der Laudatio zur Ausstellung Bild:ge:schichten

von Prof. Dr. Wolfgang Tunner (März 2015)

"Vor einigen Wochen war ich zu Besuch im Atelier von Christa Dietl, um ihre Bilder zu besichtigen und mir Anregungen für die Eröffnung dieser Vernissage zu holen. Wie sie mir dann ein Bild nach dem anderen vorstellte, kamen mir Zweifel: Was kann bzw. was soll man denn eigentlich über Bilder sagen und reden, wenn die Bilder schon von sich aus eine deutliche Sprache sprechen? Kann man den Bildern mit Worten überhaupt gerecht werden? 

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Eine erste Beobachtung , die man zu den Bildern von Christa Dietl macht, ist, dass in den Werken viel zu erkennen ist, was aus der Natur kommt, aus der Welt der Pflanzen und Tiere, einiges auch aus der Welt der Mineralien, aus all dem, was man in der Komposition als "Landschaft" bezeichnet.

 

Es kommen aber auch - und das ist in der modernen Kunst häufig der Fall - Themen vor, die von der technischen Umwelt angeregt sind, z.B. Geschwindigkeit, Bewegung, das Größer und Kleiner Werden, vieles was man etwa beobachten kann, wenn man sich an eine Straßenkreuzung stellt und die sich darbietenden Phänomene auf sich wirken lässt.

 

Die malerische Technik bzw. die Methode, mit der Christa Dietl arbeitet, hat mich sehr beeindruckt. Und zwar geht es zuerst einmal darum, dass Farbflächen aufgetragen werden; und dann wird bei vielen Bildern in diese Farbflächen „hineingeritzt“. Dieses Ritzen ist bei Christa Dietl allerdings schon sehr ein Zeichnen. Und wir waren uns da sehr einig – die Künstlerin bei ihren Schilderungen und ich von meinem ersten Eindruck her - dass hier eine sehr starke Meisterschaft im Zeichnen entwickelt wurde.

 

Wenn sie die Bilder anschauen, werden sie merken, dass diese Striche, die man normalerweise in einem Zeichenblock macht, in die Farbflächen eingekerbt sind, und dadurch bekommen die Bildoberflächen sehr tastbare Werte. Ich hatte beim Betrachten der Bilder immer das Gefühl, dass ich hintasten möchte, um das Bild auch haptisch zu erkunden!

 

Wenn man zurückschaut in der Menschheitsgeschichte, dann erfährt man, dass das Ritzen und Einkerben die älteste Technik überhaupt ist, etwas bildlich zu zeigen! Es gibt archäologische Funde – speziell in Höhlen - die  30.000 bis 40.000 Jahre zurückdatieren, mit Einritzungen auf Knochen und auf Felswänden.

 

Also seien sie sich bewusst, dass Sie bei der Maltechnik von Christa Dietl eine – so könnte man sagen - aus der Altsteinzeit stammende Methode vor sich haben! Und in einigen der Bilder wird sogar ganz konkret auf die altsteinzeitlichen Höhlenmalereien verwiesen. Ich kann gar nicht wegschauen und möchte immer wieder in die Ritzen greifen und die Striche und Linien nachvollziehen - weil es wirklich Lust bereitet, das zu tun.

 

Es geht also wie gesagt um verschiedene Farbschichten, und dann um die Gravur mit einem starken haptischen und zugleich zeichnerischen Aspekt. Was bei der Malerei von Christa Dietl allerdings als weitere wichtige Dimension hinzukommt, ist, dass unterschiedlichste Malmaterialien verwendet werden. Die Farbschichten bestehen häufig aus Acryl, aber genauso kommen – oft im selben Bild - Ölfarben dazu (die die Schwierigkeit der langen Trocknungszeit haben), und in letzter Zeit auch noch sehr „organische“ Schichten aus Rost, Asche und sogar Bienenwachs! Das heißt, wir haben es hier mit sehr dichten, sinnlichen Grundmaterialien zu tun, auf denen dann die „Ritzungen“ und Zeichnungen erfolgen.

 

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Man wird aber beim Rundgang durch die Ausstellung auch sehen, dass es einige Bilder gibt, bei denen es genau keine Linien gibt, in denen die Formen und Figuren in keiner Weise linienmäßig abgegrenzt sind und der Eindruck entsteht, dass sie ineinander verschmelzen. Die Linie - auch wenn sie noch so fantastisch ist – hat auch immer etwas Nüchternes und Begrenztes, im Unterschied zu jenen Figuren, die „unbegrenzt“ sind, die eher auf diese traumartige Weise ineinanderfließen, etwa im Bild "Adam und Eva" oder in den großformatigen, „gestischen“ Bewegungen der  Bilderserie "Verkreuzungen". Ein Beispiel dazu wäre etwa ein bekanntes Bild von Dürer, in dem er einen Traum darstellt, und in dem die Abgrenzungen in ähnlicher Weise zerfließen.

 

Zum Schluss möchte ich aus psychologischer Sicht noch auf folgendes hinweisen: Wir, die wir auf die Bilder schauen, werden den Bildern ähnlich! Ich meine das tatsächlich so konkret: je länger ich auf ein Bild schaue, desto deutlicher habe ich das Gefühl, ich gehöre zum Bild, das Bild ist mir oder ich bin dem Bild ähnlich. Es entwickelt sich sozusagen so etwas wie ein empathischer Prozess, von dem ich glaube, dass er für das Betrachten eines Kunstwerks wesentlich ist.

 

Dazu ein Zitat:  "Kunst ist das Können, Einsicht zur Form zu bringen. Form, die wir sinnlich vor uns haben." Was ich als Künstler als Einsicht in mir trage, was meine Einsicht ist, bringe ich in das Bild und entwickle ich durch den Malprozess. Sehr viel wird dabei erst dadurch erfahren, dass es gemalt wird. Ich kenne Maler mit einer sehr abgehobenen, metaphysischen Weltanschauung, welche weit über das hinausgeht was man je noch als gegenständlich oder physikalisch definieren könnte.  Und sie arbeiten intensiv daran, diese Metaphysik in ihren Bildern zur Form zu bringen, sie erfahrbar zu machen. Interessant und spannend ist es, als Betrachter diese Ideen in den Bildern sinnlich zu erfahren und vielleicht sogar - zumindest zeitweise - zu übernehmen.

 

So möchte ich abschließend sagen: Christa Dietl hat sensibel wirkende, eigenständig aus der Tradition heraus entwickelte Bilder geschaffen, für die wir ihr sehr dankbar sein können!"

 

Prof. Dr. Wolfgang Tunner, im März 2015